Musik als Teil des Gemeindelebens
Temple Emanu-El wurde 1845 von 37 jüdischen Einwanderern gegründet. Bereits ein Jahr später schlossen sich musikalisch begabte Gemeindemitglieder zu einem Chor zusammen. Ihre Stimmen dienten nicht allein der feierlichen Ausgestaltung der Gottesdienste: Der Chor bot den Mitgliedern zugleich eine besondere Möglichkeit, sich aktiv am religiösen und gemeinschaftlichen Leben zu beteiligen.
Mit der Hinwendung zum Reformjudentum veränderten sich auch Liturgie und Gottesdienst. Neben dem Hebräischen hielten zunächst die deutsche und später die englische Sprache Einzug. 1848 wurde eine Orgel installiert – zu jener Zeit ein sicht- und hörbares Zeichen für die liturgische Erneuerung. Chor- und Instrumentalmusik entwickelten sich zu prägenden Bestandteilen der Gottesdienste in Temple Emanu-El.
Vom Laienchor zum professionellen Ensemble
Aus dem ursprünglichen Chor engagierter Gemeindemitglieder entstand im Laufe der Jahrzehnte ein professionelles Ensemble. Im Jahr 1903 bestand es aus 22 ausgebildeten Sängern: sechs Sopranistinnen, sechs Altistinnen, fünf Tenören und fünf Bässen.
Ein Artikel der New-York Tribune aus demselben Jahr überliefert die Namen aller 22 Mitwirkenden. Besonders aufschlussreich ist die Erwähnung von sechs Frauen. Ihre dokumentierte Mitwirkung eröffnet einen wichtigen Einblick in die Rolle von Frauen als professionelle Musikerinnen an Temple Emanu-El zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Die Tradition der Kantoren
Parallel zum Chor entwickelte sich das Kantorat der Gemeinde. Zahlreiche Kantoren prägten über Generationen hinweg die musikalische und liturgische Identität von Emanu-El. Zu ihnen gehörten G. N. Cohn, Adolph Rubin, William Sparger, Simon Schlager, Moshe Rudinow, Arthur Wolfson, Howard Nevison, Lori Corrsin und Lance Rhodes. Heute führt Mo Glazman diese bedeutende Tradition fort.
Jeder von ihnen brachte eigene musikalische Impulse, Erfahrungen und Ausdrucksformen in das Gemeindeleben ein. Gemeinsam stehen sie für eine lebendige Verbindung von überlieferter jüdischer Liturgie, musikalischer Erneuerung und zeitgenössischem Gemeindeleben.
Eine Geschichte in Räumen und Stimmen
Auch das Wachstum der Gemeinde spiegelt sich in ihren Gotteshäusern wider. Ihre Geschichte begann in einem einfachen Dachgeschoss an der Lower East Side. Später folgten repräsentative Synagogenbauten, bis Temple Emanu-El schließlich seinen heutigen Standort an der Fifth Avenue und East 65th Street bezog.
Von den namentlich nicht überlieferten Sängern des Jahres 1846 bis zu den Musikern und Kantoren der Gegenwart entstand die musikalische Tradition von Temple Emanu-El Stimme für Stimme. Bis heute verbindet sie Geschichte und Gegenwart – und macht Musik zu einem lebendigen Mittelpunkt der Gemeinde.
Kantor Mo Glazman
Von New York Jewish Life als „wunderbarer Tenor und Starattraktion“ gewürdigt, ist Kantor Mo Glazman in Europa, Israel und Nordamerika aufgetreten. Seine Konzerte führten ihn unter anderem in die Carnegie Hall, die David Geffen Hall, das National Opera Center, das Saint James Theatre und ins Studio 54.
Sein Repertoire verbindet kantorale Musik mit Klassik, Broadway, Folk und Soul. Neben mehreren Aufnahmen veröffentlichte er das Soloalbum Soul on the Seventh Day, eine von Motown inspirierte Gebetserfahrung, die er „Jewish Soul“ nennt. Als Produzent und Sänger des Albums One Voice brachte er drei jüdische Strömungen musikalisch zusammen. Zuletzt leitete er Shabbat on Broadway, einen viel beachteten und innerhalb weniger Tage ausverkauften Schabbat-Gottesdienst im Saint James Theatre.
Colin Fowler – Musikalischer Leiter
Colin Fowler begann im Alter von fünf Jahren in Kansas City mit seiner musikalischen Ausbildung. Nach seinem Studium an der Interlochen Arts Academy erwarb er an der Juilliard School Bachelor- und Masterabschlüsse in Klavier und Orgel.
Als vielseitiger Musiker und Dirigent wirkte er an zahlreichen Broadway-Produktionen mit, darunter Wicked und Jersey Boys. Er lehrte an der New York University und am Nyack College und war musikalischer Leiter der Mark Morris Dance Group. Seine Auftritte führten ihn von der Carnegie Hall bis zum Sydney Opera House. Darüber hinaus gestaltete er Gottesdienste in bedeutenden New Yorker Gemeinden und Kirchen, darunter Trinity Church Wall Street und die Park Avenue Synagogue. Seit 2023 ist Colin Fowler musikalischer Leiter von Temple Emanu-El.